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  • Das Abo abzuschließen war mit einem Klick getan, aber die Kündigung eine Odyssee über die Weiten der Unternehmenswebsite und am Ende musstest du sogar noch zum Telefon greifen, um aus dem Vertrag herauszukommen.
  • Bei der Bestellung im Online-Shop war das Häkchen für die “neuesten Infos zum Sortiment” standardmäßig gesetzt, sodass jetzt ständig Werbung ins E-Mail-Postfach flattert.
  • Eine Online-Ticketbuchungsseite zeigt zunächst einen niedrigen Ticketpreis an. Im letzten Schritt der Bestellung, nachdem du deine sämtlichen Daten eingegeben hast, werden aber noch zusätzliche Gebühren für die Bearbeitung und den Service erhoben.
  • Der Shop suggeriert, dass es nur noch in dieser Stunde einen großzügigen Rabatt gibt, sodass du unter Zeitdruck, ohne so sorgfältig wie gewohnt darüber nachzudenken, den Kauf abschließt. Einige Tage später schaust du noch einmal auf die Seite – und das “einmalige” Rabattangebot ist immer noch da.

Kommt dir etwas davon bekannt vor? Das ist nicht unwahrscheinlich, denn solche (und viele weitere) sogenannten „Deceptive Patterns“ (häufig auch als „Dark Patterns“ bezeichnet) begegnen uns auf Webseiten und in Apps zahlreich und in verschiedenen Formen.

UX-Designer Harry Brignull benannte mit der ursprünglichen Bezeichnung „Dark Patterns“ zum ersten Mal das Phänomen dieser Designmuster. Schon im Jahr 2010 hatte Brignull den Designtricks mit dem Start der Webseite darkpatterns.org den Kampf angesagt. Mittlerweile hat er für seine Arbeit ein ganzes Team aus Wissenschaftler*innen an seiner Seite und kürzlich ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht. Auf einen Hinweis hin wurde die Bezeichnung „deceptive patterns“, täuschende Muster, gewählt, um bestimmte Assoziationen oder das Bestärken von Vorurteilen zu vermeiden. [1]

Vielleicht geht es dir jetzt wie mir, als ich in einer Vorlesung zu digitaler Ethik zum ersten Mal den Begriff hörte – ich war erleichtert zu erfahren, dass es tatsächlich einen Namen gibt für all diese Dinge, die mir immer wieder in der digitalen Sphäre aufgefallen waren und die mich Nerven gekostet und manchmal sogar vor richtige Probleme gestellt haben (Stichwort: Abofalle). Oder du hast die Deceptive Patterns bisher nicht bewusst wahrgenommen und es fällt dir nun wie Schuppen von den Augen. Aber was genau steckt denn nun hinter dem Begriff?

Manipulation mittels Design

Brignulls Webseite, deceptive.design sagt: “tricks used in websites and apps that make you do things that you didn’t mean to”.

Eine etwas detailreichere Definition liefern die Autoren einer wissenschaftlichen Studie zu dem Thema aus dem Jahr 2018. Sie sprechen von Dark Patterns als “Fälle, in denen Designer ihr Wissen über menschliches Verhalten (z.B. Psychologie) und die Wünsche der Endnutzer nutzen, um irreführende Funktionen zu implementieren, die nicht im besten Interesse des Nutzers sind.” [2] (eigene Übersetzung).

Im Grunde gibt es also zwei wesentliche Elemente. Zum einen das Design, also die Gestaltung von Benutzeroberflächen und den Interaktionen, die damit möglich sind. Und zum anderen der Aspekt der bewussten Manipulation mithilfe des Designs. Dark Patterns sind demnach manipulative Designentscheidungen, welche gezielt eingesetzt werden, um Nutzer zu einer bestimmten Handlung zu verleiten.

Aber wie funktioniert das?

Menschliche Wahrnehmung folgt gewissen Gesetzen, das passiert ganz unbewusst. [3] Außerdem ist unsere Aufmerksamkeit begrenzt und lässt sich durch bestimmte Reize steuern. Teilweise sind es daher ganz subtile Designentscheidungen, die beeinflussen, wie wir mit einer Anwendung interagieren und welche Entscheidungen wir treffen. Ist ein Button groß und farbig hervorgehoben und ein anderer Button kleiner oder sogar ausgegraut, verleitet dies dazu, eher auf den hervorstehenden zu tippen. Wo und wie etwas auf dem Bildschirm platziert ist, wirkt sich darauf aus, wie wir damit umgehen – und ob wir es überhaupt wahrnehmen. Unternehmen profitieren davon, wenn Menschen bei einem “Cookie Banner” allen Analysen zustimmen, die im Hintergrund zum Beispiel für die Personalisierung von Werbung Daten zu Nutzerverhalten und -interessen sammeln und austauschen. Nutzer dazu zu bringen ist einfach, wenn die Zustimmung hürdenlos, das Ablehnen dagegen aufwendig gestaltet ist.

Ein Klassiker: Auf welchen Button würdest du hier intuitiv zuerst klicken? (Quelle: Eigener Screenshot von Codecheck)

Ebenso ist menschliches Verhalten nicht immer rational. Unter bestimmten Bedingungen handeln wir unüberlegt oder es entsteht eine kognitive Verzerrung. Das ist sozusagen ein ‘Denkfehler’, der sich auf Urteile und Entscheidungen auswirkt. Zum Beispiel: Ein Produkt, das du normalerweise als zu teuer bewerten würdest, könnte dir wie ein Schnäppchen erscheinen, wenn es als reduziert von einem doppelt so hohen Originalpreis dargestellt wird.

Für derartige Manipulationen anfällig ist aber nicht nur die menschliche Wahrnehmung. Auch die Gefühle von Nutzer können in der Gestaltung von Oberflächen und Interaktionen ausgenutzt werden. Vielleicht hast du schon mal versucht, einen Social Media-Account zu löschen oder ein Online-Abo gekündigt. So ein Kündigungsprozess ist häufig mit dem Ziel gestaltet, dass er beim Nutzer Bedauern auslöst und ein Umdenken bewirkt. Dann besteht er zum Beispiel aus vielen einzelnen Schritten, die unnötigerweise aufgeteilt sind, und es werden dazwischen noch einmal all die tollen Dinge, die dem Nutzer mit der Kündigung nicht mehr zugänglich sind, präsentiert. Oder es wird ein schlechtes Gewissen provoziert, zum Beispiel, wenn deine Fitness-App fragt, ob du wirklich aufhören willst, etwas für deine Gesundheit zu tun, weil du dir die Premium-Version nicht mehr leisten möchtest. Und ja, auch ein weinendes Tablet gab es schon. 

Vielleicht möchte das traurige Tablet auch ein wenig davon ablenken, dass die Datenschutzerklärung – nicht gerade transparent – hinter einem Link versteckt ist. Quelle: UXP Dark Patterns

Toying With Emotion nennen die Autoren der weiter oben bereits erwähnten Studie solche Methoden. Colin Gray und seine Kollegen führten eine groß angelegte Analyse von Apps und Webseiten durch, um Beispiele für Deceptive Patterns zu finden und diese systematisch in Kategorien zu ordnen. Als Ausgangspunkt hatten sie eine Reihe von Brignull bereits bekannt gemachten Typen dieser manipulativen Muster genommen und um einige Varianten erweitert. Auf https://www.deceptive.design/types gibt es eine Übersicht (Englisch) aller Rubriken, die von den Wissenschaftlern identifiziert wurden, 15 sind es insgesamt. Eine deutschsprachige Übersicht mit vielen Beispielen liefert das Projekt Dapde der Uni Heidelberg, das sich mit dem Thema wissenschaftlich auseinandersetzt.

Trotzdem sollte es natürlich nicht in erster Linie an den Nutzenden hängen, sich dem Einfluss von Deceptive Patterns zu entziehen. Die Verantwortung liegt vielmehr bei den Unternehmen, Webseite- und App-Betreibern, die solche Patterns einsetzen und viel Geld, Zeit, Design-Expertise und wissenschaftliche Erkenntnisse in die Manipulation investieren.

Der Name ist Programm: Das Pattern Nagging, also etwa „Nerven“, hat zum Ziel, Menschen durch wiederholtes Konfrontieren mit einer Situation zu etwas zu bringen. In diesen Beispielen gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Pop-Up wegklicken, wodurch es irgendwann später wieder erscheint. Oder aber die Benachrichtigungen aktivieren bzw. die App installieren, obwohl man das vielleicht gar nicht möchte. Quellen: Perpetual Blog; eigener Screenshot von paypal.de

Und was kann man dagegen tun?

Auf den ersten Blick sieht es eher düster aus. Angesichts dieser Fülle an Design-Fallen stehen Verbraucher “den Dark Patterns weitgehend hilflos gegenüber”, heißt es auf der Webseite des Projekts Dapde. Noch gebe es weder einen effektiven rechtlichen Schutz, noch technische Möglichkeiten, sich vor Dark Patterns zu schützen, wie beispielsweise einen Blocker für Werbung. [4] Doch: Beides soll das Projekt ändern. Es werden sowohl Methoden zur automatisierten Erkennung von Dark Patterns entwickelt, sodass in Zukunft eine App, die solche Designmuster erkennt und für den Nutzer passend umgestaltet, denkbar ist. Auch die rechtlichen Fragen möchte Dapde klären und den Schutz für Verbraucher verbessern. Eine erste technologische Lösung gibt es nun seit Kurzem schon: Der “Dark Patterns Highlighter”, eine Erweiterung für den Internet-Browser, der gängige Muster erkennt und hervorhebt und damit Benutzern hilft, im Internet zu navigieren. Die Software ist hier veröffentlicht und kann durch die Open Source Lizenz frei verwendet werden. [5]

Unternehmen in die Verantwortung ziehen

Jenseits wissenschaftlicher Projekte kann allein Bewusstsein für das Problem schon ein kleiner Schritt in die richtige Richtung sein. Achtsamkeit kann helfen, die eigene Entscheidung bewusster und selbstbestimmter zu treffen, selbst wenn das Design durch täuschende oder manipulative Elemente zu etwas drängt. Auch wenn es am Anfang vielleicht nervig ist, sich durch jedes Cookie-Banner mühselig durchzuklicken, um Analysen und Tracking durch Drittanbieter abzulehnen, anstatt auf den prominenten “allen zustimmen”-Button zu klicken, kann man es zur Gewohnheit machen, wodurch die kognitive Last wieder geringer wird. Oder Webseiten, auf denen besonders dreiste Varianten zu finden sind, einfach direkt wieder verlassen und nach einer benutzerfreundlichen Alternative suchen. Wozu der Aufwand? Um zu vermeiden, dass Werbefirmen mit der Zeit ein detailliertes Profil aus deinem Verhalten und deinen Interessen erstellen.

Zwei Beispiele für das Deceptive Pattern „Fake Scarcity“: Durch den roten Warnhinweis wird der Eindruck von Knappheit erzeugt. Ob diese Knappheit der Wahrheit entspricht, ist unklar – Tage später ist der Hinweis bei beiden Produkten jedenfalls noch genau der gleiche. Quelle: Eigene Screenshots von Etsy.com

Dagegen wehren können wir als Nutzer uns aber trotzdem. Zum Beispiel können Deceptive Patterns hier beim Projekt dapde gemeldet werden – was wiederum der Forschung zum Schutz für Nutzende weiterhilft. Auch der Twitter-Account https://twitter.com/darkpatterns teilt Beispiele von Patterns, die von bekannten Unternehmen eingesetzt werden. So rückt das Thema in die Öffentlichkeit. Sich wehren kann auch bedeuten, Plattformen zu meiden, die solche Methoden verwenden.

Und natürlich hilft es auch, andere Menschen aufzuklären, damit diese sich besser gegen Deceptive Patterns wappnen und zur Wehr setzen können. Wenn dieser Artikel für dich hilfreich war, kannst du ja schon mal anfangen und ihn mit jemandem teilen. 😉

Noch ein kleines PS für Interessierte: 2019 forderte die EU-Kommission die Buchungsplattform Booking.com zu mehr Transparenz bei der Präsentation ihrer Angebote auf. [6] Die Plattform verpflichtete sich zu den folgenden Änderungen an bisherigen Praktiken (in denen sich einige Deceptive Patterns finden):

  • Den Verbrauchern muss klar gemacht werden, dass sich Aussagen wie „Letztes Zimmer verfügbar!“ nur auf das Angebot auf der Booking.com-Plattform beziehen;
  • Ein Angebot darf nicht als zeitlich begrenzt dargestellt werden, wenn derselbe Preis auch nach dem angegebenen Zeitraum noch verfügbar sein wird;
  • Klarstellen, wie die Reihenfolge der Ergebnisse zustande kommt, und ob Zahlungen des Unterkunftsanbieters an Booking.com seine Position in der Ergebnisliste beeinflusst haben;
  • Transparent erklären, wenn ein Preisvergleich auf unterschiedlichen Umständen basiert (z.B. verschiedenen Zeiträumen) und diesen Vergleich nicht als Rabatt darstellen;
  • Verdeutlichen, dass Preisvergleiche, die als Preisnachlass dargestellt werden, eine echte Ersparnis darstellen, z. B. durch Angabe des als Referenz dienenden Standardtarifs;
  • Den Gesamtpreis, der am Ende zu zahlen ist (einschließlich aller unvermeidlichen Kosten, Gebühren und Steuern, die vernünftigerweise im Voraus berechnet werden können), soll klar und deutlich angezeigt werden;
  • Ausverkaufte Unterkünfte müssen in den Suchergebnissen an einer den Suchkriterien angemessenen Stelle angezeigt werden;
  • Deutliche Angabe, ob eine Unterkunft von einem privaten Gastgeber oder einem professionellen Anbieter angeboten wird.

(eigene Übersetzung aus [6])

Hintergrund: Die EU-Verordnung über die Zusammenarbeit im Verbraucherschutz (CPC) verbindet die nationalen Verbraucherschutzbehörden in einem europaweiten Netzwerk zur Rechtsdurchsetzung. [6]

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